IR_REAL!
jung + gegenständlich
Förderpreis des Bodenseekreises 2020

Rotes Haus l Meersburg 

Preisverleihung 2020

Liebe Besucherinnen und Besucher der Galerie,

Sie haben gewählt, im Roten Haus oder online, und die Jury hat ebenfalls gewählt! Der „Publikumsliebling“ steht fest und auch über die Vergabe des offiziellen Förderpreises ist entschieden. Der mit 4.000 € dotierte Preis wird in diesem Jahr zwischen Zeichnung und Malerei geteilt.

In der Vergangenheit haben wir die Preisverleihung gemeinsam im schönen Spiegelsaal des Meersburger Schlosses gefeiert und uns danach mit einem Gläschen in der Hand zu anregenden Gesprächen in der Ausstellung gefunden.

Leider ist das derzeit nicht möglich. Dennoch möchten wir nicht darauf verzichten, die von Jury und Publikum Prämierten wenigstens an dieser Stelle zu würdigen. Wer wen gewählt hat, das verrät Ihnen Lothar Wölfle, Landrat des Bodenseekreises, in einem kleinen Video:

Katalog zur Ausstellung

IR_REAL
jung + gegenständlich
Förderpreis des Bodenseekreises 2020
Hg. Heike Frommer, Kulturamt Bodenseekreis
ISBN 978-3-945396-15-5
80 Seiten, 6,00 Euro

Der Katalog kann beim Kulturamt Bodenseekreis bestellt werden:
kreiskulturamt.sekretariat@bodenseekreis.de
oder Tel.: 07541 204-6400

Preisträgerin für Zeichnung

Der Förderpreis für Zeichnung wurde vergeben an Christine Brey.

Die Bildwelt, die die Hamburger Künstlerin mit ihren Figuren entwirft, ist beeindruckend. Ihre Bildfindung ist ambivalent, dadurch erzeugt sie ästhetische Spannung. Oftmals sind Breys Darstellungen skurril, sie arbeitet mit kreativer Irritation. Eindrucksvoll sind die Stille und Melancholie in ihren Zeichnungen, die von einer psychologischen Ebene getragen werden. Die Hintergründigkeit ihrer Darstellungen lässt diese nicht im klassischen Sinne schön oder harmonisch erscheinen, sondern eher beunruhigend. Sie punkten mit Ausdrucksstärke. Nicht zuletzt überzeugt die altmeisterliche technische Meisterschaft der Künstlerin und ihr handwerkliches Können, das sich in Details der Gesichter oder im Verhältnis von Figur und Grund äußert. Die fehlende Zuordnung der Figuren zum Raum verkörpert dabei die Allgemeingültigkeit der Darstellungen. Breys Darstellungen sind doppelbödig, die Künstlerin fordert den „zweiten Blick“ heraus und regt damit zum Nachdenken an.

„Wo wir hingehen“, heißt eine Grafitzeichnung von Christine Brey, die in die Sammlung des Bodenseekreises übergehen wird. Auf ihr sind zwei Männer zu sehen, nicht mehr jung, die in gebeugter Haltung gehen, ihre Körper parallel ausgerichtet. Einer geht voraus, der mit dem Ringelshirt, der Bärtige folgt ihm auf dem Fuß. Ihre Gesichter sind resigniert, sie scheinen einem bekannten - oder unbekannten - Schicksal entgegen zu gehen, ergeben in das, was kommen mag. Auf ihren Köpfen sitzen lustige Kegelhütchen, wie bei einem Kindergeburtstag, man denkt sie sich bunt in die schwarzweiße Zeichnung hinein. Was für ein merkwürdiger Kontrast, das mit den Hütchen. Ist das Spott? Ist es Mitleid?

Wir wissen es nicht genau, Breys Zeichnungen geben keine Erklärung, dafür liefern sie reichlich Denkanstöße - die Szenen bleiben offen für den Spielraum der Gedanken. So kann die Bedeutung eines Ringelshirts ohne weiteres zwischen Clown und Strafgefangenem pendeln. Sicherheit darüber gewinnen wir nicht, dennoch stellt sich beim Betrachten von Breys Werken das untrügliche Gefühl ein, dass dahinter eine sehr bewusste Auseinandersetzung mit den Tiefen und Untiefen des Menschlichen steckt. Dass hier eine junge Künstlerin in minutiöser zeichnerischer Handschrift ihren sensiblen psychologischen Blick auf gesellschaftliches Leben offenbart.

Dass dieser Blick durchaus kritisch zu verstehen ist, zeigt sich im Zusammenspiel mit den beiden anderen Werken, die Brey für den Wettbewerb eingereicht hat. „Blinder Bluff“ heißt die Zeichnung, auf der drei Kinder miteinander Blinde Kuh spielen. Was idyllisch klingt, ist es nicht. Die jungen Menschen sind in einen ungewissen Raum gesetzt, der nicht mehr ist als eine konturlose Fläche. Räumlich verortet sind die Figuren nur durch ihre eigenen Schatten, grotesk verformte Abbilder der Kinder, die auch ihre Gespenster sein könnten. Dass der Junge und die beiden Mädchen mit verbundenen Augen die tastenden Arme ins Leere strecken, erhöht nur den Eindruck des Verlorenseins, des hilflosen Nicht-Wissens.

Auch die dritte Zeichnung macht keine Hoffnung. Drei Frauen stehen vor strauchartigem Grün, alle frontal ausgerichtet, nebeneinander. Die vorderste ist von amazonenhafter Statur, das Gesicht unscharf verzerrt, die Augäpfel weiß, unheimlich. Sie fasst das Kinn der jungen Frau neben ihr und dreht es grob nach vorne. Die junge Frau im kurzen Rock bedrängt ihrerseits die ältere Frau neben ihr mit derselben Geste. Da kommen Gedanken an politische „Gleichschaltung“ auf, alle müssen in dieselbe Richtung schauen. Hier scheint es keine andere Möglichkeit zu geben. Würde es zu weit gehen, die drei Arbeiten im Rückgriff auf den kunstgeschichtlichen Klassiker der „Drei Lebensalter“ zu interpretieren? Jedoch nicht im biologischen Sinn der Altersabschnitte, sondern mit psychologischem Blick: Dann wäre hier Kindheit die Zeit des Ausgeliefertseins, das aktive Erwachsenenleben die Zeit der Anpassung und zwanghaften Ausrichtung auf ein Ziel und das Alter die Zeit, in der die Abschiebung durch die Gesellschaft erfolgt.

Brey steigt tief in den menschlichen Beziehungskosmos ein und schaut hinter die Fassaden unseres Zusammenlebens. Dennoch scheint es ihr weniger darum zu gehen, gesellschaftliche Zustände gnadenlos zu entlarven als vielmehr das Selbst dieser einzelnen Menschen in ihrem Umfeld zu ergründen und zu verorten. Sie schaut nicht auf das System, sondern auf die Persönlichkeiten, die sich darin bewegen müssen. Insofern ist es vielleicht eher Mitleid als Spott in der Darstellung der beiden Männer mit den Zauberhüten. Aber vielleicht ist es auch keines von beidem – und es ist einfach gut, dass wir darüber nachgedacht haben.

Preisträger für Malerei

Der Förderpreis für Malerei wurde vergeben an Ghaku Okazaki.

Ghaku Okazakis Gemälde entfalten eine umwerfende Farbkraft, die eine positive Stimmung hervorruft. In seinen flächenhaften Darstellungen überlagern sich Bildebenen aus Schrift, Symbolen, Landschaft und Lebewesen. Auch wenn nicht alles zu entschlüsseln ist, haben Okazakis Werke doch eine narrative Kraft, die eine Sogwirkung ausübt. Seine Ästhetik ist symbolhaft reduziert im Sinne eines Mandala. Okazaki eröffnet damit einen spirituellen Zugang zur Welt.

Er schafft die Vision einer harmonischen Zukunft, in der sich das Verbindende gegen das Trennende stellt, die das Fremde zulässt und positiv sieht. Mit der vegetativen Kraft symbolisiert er Wachstum und Werden und inszeniert die Welt als Theater. Zugleich gewährt er einen Blick in sein eigenes Inneres und drückt seine Wünsche künstlerisch aus. Es ist einfach so: man schaut seine Arbeiten gerne an und kann sich darin verlieren.

Sieben biegsame Arme in den Farben des Regenbogens entspringen einem farbig leuchtenden Schädel mit großen Ohren und riesigen Augen, von denen er gleich sieben besitzt, rechnet man das „Dritte Auge“ auf der Stirn dazu. Auf der Schädeldecke, am Ursprung der Arme sitzen sieben kleine Köpfchen, die sagen: du bist ok und du auch und du auch. Die Arme haben Hände mit Augen, die sich nach einem länglichen Wesen ausstrecken, einer Sago-Palme mit einem freundlichen, dreiäugigen Gesicht und einer winzigen Schutzgottheit am Boden ihres Stammes. Kleine Fantasiefiguren schweben im Raum umher, zusammen mit Wolkengebilden, oder bevölkern die Szenerie einer bergigen japanischen Miniaturlandschaft, die sagt: ich habe Heimweh. Zwei Palmenblätter und ein Fries aus Augen rahmen das bunte Treiben. Die Augen sind Symbole der Lebendigkeit - und wir, wir sind im Land der unendlichen Möglichkeiten.

Was nach einem Märchen klingt, ist ein großformatiges Leinwandgemälde mit dem Titel „Rainbow Arms“ von Ghaku Okazaki. Der japanische Künstler, der sowohl in Tokio als auch in Bremen Malerei studiert hat, versteht seine Arbeit als Beitrag zu einer besseren Welt, einer Welt, in der sich die Lebewesen verbinden, in der Diversität als etwas Bereicherndes empfunden wird und nicht als Grund zur Trennung. In dieser Welt verschwimmen die Grenzen zwischen den Geschlechtern und dogmatisches Denken löst sich auf – diese Welt ermöglicht den Menschen, ihre geistigen Festlegungen zu überwinden und in Erfahrung zu bringen, was in ihnen schlummert und was ihnen alles möglich ist.

Es ist ein Zustand der Befreiung - und der ist schön. Schriftzeichen überziehen Okazakis Gemälde und manifestieren die Bildaussage. Einen verloren gegangenen Text aus dem alten Indien hat Okazaki in dessen chinesischer Übersetzung hier wiedergegeben. Die kleinen Bildzeichen der chinesischen Sprache verkünden: Es gibt 17 schöne Dinge, die das Leben bereichern, 17 schöne Dinge der Wahrnehmung der Sinne: sehen, schmecken, streicheln …

Neben alten Texten aus Asien dürfte auch die Kunstgeschichte Japans für Okazaki Inspirationsquelle gewesen sein. In der japanischen Kunst, die Anregungen von außen über alle Zeiten wertgeschätzt hat, finden sich buddhistische Bildtraditionen, die sich in farbstarken Wandmalereien und Mandalas niederschlagen. Die Farbgebung ist kräftig und leuchtend, die einzelnen Farben sind klar voneinander getrennt und werden, kontrastierend, den einzelnen Bildobjekten zugeordnet. Auf Räumlichkeit wird weitgehend verzichtet, dafür gibt es dekorative Schmuckbänder. Die Symbolik des Inhalts steht im Vordergrund, die Darstellung wird zur Bilderzählung oder zum religiösen Objekt.

Solcherlei Stilmittel finden sich auch in Okazakis Werk, doch das Ansinnen des Künstlers, der auch Wandgemälde entwirft, ist weder religiös noch erzählerisch. In gewisser Weise ist seine Kunst politisch, weil sie sich für Veränderungen hin zu mehr Toleranz engagiert, in jedem Fall aber ist Okazakis Malerei spirituell. Der Künstler erfindet seinen eigenen, lebendigen Bilderkosmos, in dem sich die Bedeutung einzelner Objekte der angestrebten Gesamtwirkung unterordnet. Nicht der einzelne Bildgegenstand, so anziehend er sein mag, ist entscheidend, sondern die Wirkung, die alle Teile zusammen haben. Insofern ist auch dies eine politische Bildaussage: nur gemeinsam können wir eine bessere Welt schaffen.

Was Okazaki aufzeigt, ist ein Zusammenspiel der Elemente, eine Utopie, ein Wunsch, eine Sehnsucht nach einer friedvollen, naturverbundenen und lebensbejahenden Menschheit. Und, man darf es immerhin hoffen: vielleicht ist es ja ein Märchen, das irgendwann einmal wahr wird …

Publikumspreisträger

Der Publikumspreis geht an Sebastian Lorenz.

Das Votum war eindeutig: Das Publikum begeisterte sich für die Malerei des Waiblinger Künstlers. In seinem „Schachspiel“ zeigt Sebastian Lorenz, dass er das große Format auf Leinwand beherrscht. Er stellt uns mitten hinein in eine Gruppe von Männern, die in Sarajevo einem öffentlichen Schachspiel beiwohnen. Die Spannung, die hier herrscht zwischen der kriegsmüden Generation und dem jungen Mann, der die Faust von neuem erhebt, fängt der Maler in kleinen, kontrastierenden Farbflächen ein, die eine flirrende Atmosphäre erzeugen.

Dass Sebastian Lorenz auch anders kann, beweist sein zärtliches Porträt der „Theresa“, die im Sitzen eingeschlafen ist. Wenn Lorenz schreibt: „Meine Porträts sind lediglich Ausdruck meiner Liebe zu Malerei und Zeichnung“, klingt das sehr bescheiden angesichts seines Vermögens, in das Gesicht der schlummernden jungen Frau eine ganze Geschichte hineinzulegen. Das Publikum hat es auf jeden Fall gesehen …

Wir danken Ihnen für Ihr Interesse und Ihren Besuch!

Ihr Team der Galerie Bodenseekreis

 

Mit freundlicher Unterstützung